Freitag, 19. Oktober 2012

Die Jos-Kolumne
Wer nicht sehen kann, muss fühlen

.. oder warum der Einsatz blinder Polizisten zwar inklusionsfördernd, aber nicht wirklich sinnvoll ist

Ein Blindenstock kann, kraftvoll und treffsicher geschwungen, durchaus zur gefährlichen Waffe werden. Blinde pflegen in der Regel aber mit ihrem Orientierungs-Hilfsmittel niemanden niederzuschlagen - schon gar keine Polizisten.

Wie auch - sie erkennen diese zuweilen ein wenig bedrohlichen wirkenden Gestalten in ihren strengen Uniformen ja nicht - es sei denn, diese stellen sich vernehmlich und korrekt vor. Zum Beispiel so: " Gestatten, ich bin der Hauptwachmeister Dimpfelmoser, und ich fühle mich durch ihren Stock bedroht."

Der Blinde könnte sich dann als solcher ausweisen, zum Beispiel mit Hilfe seines amtlichen Schwerbehindertenausweises mit dem unverwechselbaren Merkzeichen "Bl" für "blind wie ein Maulwurf". Er würde den Ordnungshüter aufklären über die eher pazifistische Gesinnung seines Tast-Stocks, und vielleicht würden das mäßig besoldete Mitglied der amtlich eingekleideten Trachtengruppe und der sehbehinderte Stock-Träger einen Kaffee trinken in dem kleinen Café an der Ecke - natürlich nur, wenn der Ordnungshüter dienstfrei wäre. Der Beginn einer wunderbaren, Barrieren überwindenden Freundschaft. Casablanca lässt grüßen.

   So ist das Leben - in Readers Digest und Internet(t)-Foren   

Rührend, nicht wahr? Solche Geschichten werden gerne im "Readers Digest" abgedruckt und begeistert in einschlägigen Internet(t)foren chronisch Kranker und Behinderter abgeschrieben.

Aber das wahre Leben ist nicht immer nett.

Der gerade geschilderte, den Gepflogenheiten der Zivilisation folgende Dialog "Mensch meets Uniform" klingt ja nicht schlecht, wenn auch ein wenig übertrieben. Und: Diese Szene war zugegebenermaßen frei erfunden. Beinahe jedenfalls.

Fairerweise und desillusionierend hier nun die wahre Geschichte, die nicht in der überbordenden Phantasie des Autors entstand, sondern so, wie sich wirklich zugetragen hat:

   Blinde Bobbies auf Streife?   

Tatsächlich ist der Blinde unserer liebe- und friedvollen Spinnerei auch im realen Geschehen ein blinder Mensch. Das Wunderbare in zumindest der britischen Realität ist aber, dass die Engländer anscheinend schon viel weiter sind in Sachen Inklusion: Die Insulaner jenseits des Ärmelkanals schicken nämlich - anders als wir übervorsichtigen und Behinderte diskriminierenden Kontinental-Europäer – offenbar bereits stark sehbehinderte Polizeibeamte auf Streife. Und die sind zu allem entschlossen. Vor allem haben sie in ihrer sorgfältigen Ausbildung eines gelernt: Behinderte Bürger haben keinen Behinderten-Bonus, sondern ein Anrecht darauf, genauso mies behandelt zu werden wie jeder andere, den sie, die Vollstrecker der öffentlichen Ordnung, in putativer Notwehr zur Strecke bringen.

Nun wollte es das Schicksal, dass einer dieser halbblinden Streifenpolizisten in Ausübung seines amtlich subventionierten Spaziergangs einem ganz und gar Blinden begegnete - es war übrigens im schönen Städtchen Chorley im Nordwesten Englands, im Südosten der Grafschaft Lancashire genauer gesagt.

Unser nicht sonderlich scharfsichtiger Polizist war auf das, was dann geschah, bestens vorbereitet. Seine Zentrale hatte ihn nämlich gerade erst gewarnt, dass ein gefährlicher Irrer mit einem Samurai-Schwert durch die Straßen und Gassen von Chorley irre (Irre gehen nicht: Irre irren - umher!).

Und dann tauchte vor den auf das Schlimmste vorbereiteten schwachen Augen des auf Beförderung und Tapferkeitsmedaille hoffenden Exekutiv-Beamten jener unselige Blinde mit seinem Blindenstock auf. Natürlich erkennt unser von seinen Vorgesetzten auf Krawall gebürsteter Polizist in dem Stock - ein Samurai-Schwert, was sonst ... Immerhin sind Stock wie Schwert gleichermaßen ebenso schlank wie lang.

Und irgendwie muss die Mentalität US-amerikanischer Sheriffs auf eher biedere britische Sergeants abgefärbt haben. In der Bronx gilt die bewährte eherne Sheriff-Maxime: "Erst schießen, dann fragen". Unserem Polizisten im beschaulichen Chorley fiel reflexartig aber dann aber doch noch die einschlägige Dienstvorschrift ein. Also forderte er mannhaft und korrekt den vermeintlichen "Samurai-Krieger" auf, sofort stehen zu bleiben.

Der Blinde, der behindertenbedingt den Polizisten optisch nicht als solchen identifizieren konnte, und übrigens gar nicht wusste, dass er mit der barschen Aufforderung gemeint war, setzte also friedlich seinen Weg fort, sich mit Hilfe seines Stocks vorwärts tastend. Tapp, Tapp, Tapp.

Das war eindeutig zu viel. Der britische Bobby, der sich schon halb geköpft oder aufgeschlitzt sah von dem bedrohlichen Blindenstock-Samuraischwert, zögerte keine Sekunde zu lang. Er erlegte den Schurken - mit elektrischen Starkstromstößen aus seiner Taserpistole.

   "Das tut uns extrem leid ..."   

Der Blinde überlebte die ordnungspolitische Maßnahme und konnte nach kurzer Behandlung bald schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Und die Polizeibehörde von Chorley? Die ließ in der Ortspresse britisch-zurückhaltend verlautbaren: "Es tut uns extrem leid"

Ob die tapfere One-Man-Samurai-Taskforce in Gestalt unseres heldenhaften Polizisten weiter auf der Jagd nach Stockträgern Streife geht und ob ihm die Behörde dazu vielleicht eine Sehhilfe in Form einer Brille spendiert hat, ist nicht bekannt.

Seinen sonst gelegentlich benutzten Gehstock vorerst lieber doch zu Hause lassend grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


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