Montag, 8. Oktober 2012

Hilde, die Wilde

Hilde hat mal wieder eine Vision Repro: Wikipedia
Schlechte Karten haben wir Skeptiker in diesen Tagen allemal. Wenn wir es aber wagen sollten, weiterhin über den Unsinn einer sich alternativ-fortschrittlich gebärdenden Medizin zu spotten, die zwar keinerlei seriösen Hintergrund hat, diesen Schönheitsfehler aber locker durch Geheimnisumwabertes, Mystisches, am besten gar Heiliges ersetzt - wenn wir uns so vermessen für ebenso hinterfragenswürdige, aber durchschau- und nachvollziehbare, zugegeben ziemlich langweilige Schul-Medizin entscheiden, dann wird der Chor der Volks- und Naturheilkundigen uns tumben Ungläubigen einen Namen entgegendonnern, gegen den wir mit unserem schlichten Menschenverstand keine Chance haben:

HILDEGARD

Gemeint ist natürlich nicht meine gleichnamige Lieblingsschwester, sondern die mittelalterliche Nonne Hildegard von Bingen - eigentlich hieß sie sie übrigens Hildegard von Hosenbach (aber das passt nicht so recht zu ihrem Image, für das sie schon zu Lebzeiten sorgte).

Heilig gesprochen wurde der mittelalterliche Popstar der Heilkunde sicherheitshalber gleich zweimal: Dem Herrn Ratzinger, der zurzeit alles heilig spricht, was sich nicht mehr wehren kann, schien die Kanonisierung Hildegard von Hosenbachs, also die Aufnahme in das Adressverzeichnis der Heiligen, im Jahr des Herrn 1584 nicht sicher genug. Nach dem gesunden urdeutschen Grundsatz "Doppelt gemoppelt hält besser" schob er im Mai diesen Jahres eine zweite Heiligsprechung nach. Und - um ganz sicher zu gehen - ernannte er sie gestern auch noch zu einer Art von Superheiligen: Sie wurde in die Reihe der Kirchenlehrer aufgenommen. Wetten, dass uns Kritikern diese Titel als Totschlag-Argumente um die Ohren gehauen werden?

Die nach der Urmutter der europäischen Alternativmedizin benannte "Hildegard-Medizin" wurde zwar erst im 20. Jahrhundert werbewirksam und verkaufsfördernd erfunden; aber die fromme Frau hat sich tatsächlich selbst intensiv um allerlei Mittelchen und Kräutlein gekümmert, mit denen man im Mittelalter mangels der modernen Medizin unserer Tage samt ihren Risiken und Nebenwirkungen mehr oder weniger erfolgreich versuchte, dies und jenes Zipperlein zu lindern oder zu heilen.

Hildegard und ihre Mitnonnen verscherbelten zwar vor allem den guten Rheingau-Wein, um Dienstleistungen und Waren zu bezahlen. Sie wären aber gewiss schon vor 800 Jahren nicht abgeneigt gewesen einen Hildegard-Kräuterlikör zu 34,60 Euro je Liter, das 128-seitige Werk zum Thema "Die Heilkraft der Edelsteine" oder Tütchen mit Bio-Dinkelwalznudeln im und mit dem Namen der heiligen Hildegard von Bingen zu vermarkten.

   Bluten à la Hildegard - natürlich bei Vollmond   

Und wer als Heilpraktiker bei seiner Kundschaft so richtig Eindruck schinden will, praktiziert den Aderlass nach den Vorgaben von Hildegard – ausschließlich bei Vollmond oder in den Tagen danach, damit auch alle giftigen Stoffe wirklich aus dem Körper abfließen. Dass Aroniabeeren, deren Saft "in der Tradition von Hildegard" gewinnbringende verkauft wird, aus Nordamerika stammen und der heilbringenden Hilde im 12. Jahrhundert absolut unbekannt waren, stört die echten Hildegardianer nicht die Bohne (oder Beere).

Unser Hildchen war schon eine richtige Kräuterhexe; in ihrem Eifer - und auf den blinden Placebo-Glauben der Kundschaft vertrauend - leistete sie sich aber doch so diesen und jenen blödsinnigen bis lebensgefährlichen Missgriff: Das Herumfuchteln und Platzieren von Edelsteinen oder Kräutern auf dem leidenden Leib war ja nicht weiter schädlich, aber Maiglöckchen und Wolfsmilch als von Hildegard auf Wärmste empfohlene Medizin dürfte damals wie heute eher finalen Nutzen gehabt haben. Johannes Mayer, Leiter der "Forschergruppe Klostermedizin" an der Universität Würzburg, warnt in der WELT: "Es gibt Rezepturen, die würde ich nicht einnehmen."

   Die Sexpertin Hildegard   

Aber ein Verdienst gebührt tatsächlich der Nonne aus dem Rheingau: Sie beschrieb in ihren "Scivias" als erste den Orgasmus aus weiblicher Sicht. Das gefällt mir und versöhnt mich mit dem Hildchen - obwohl: War da nicht was mit Gelübden der Nonnenschaft? Armut und Gehorsam geloben die frommen Frauen bis in die heutigen Tage und - Keuschheit. Na ja.

Möglicherweise war die frischgebackene Kirchenlehrerin und doppelt gemoppelte Heilige doch nicht "Hilde, die Milde", sondern " Hilde die Wilde". Sie wird mir immer sympathischer.

Als neuer Fast-Hilde-Fan grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

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