Sonntag, 14. Oktober 2012

Rent-a-Säuli

Unsere Schweizer Nachbarn haben Phantasie, und sie sind erfinderisch. Wer sonst käme auf die Wahnsinnsidee, mit Pfeilen auf unschuldige Äpfel zu schießen? Und die Zucker-Bömbchen namens Ricola haben mitnichten schwitzende notdürftig bekleidete Finnen erfunden, sondern natürlich - die Schwyzer - ebenso wie die dreieckige Schoki und die Löcher im Käse.

Ach ja, sparsam sind die Schweizer auch - und tierlieb. Die letzteren Tugenden dürften Pate gestanden haben bei der Erfindung der Prisca Küng. Die ist nicht verwandt oder verschwägert mit dem katholischen Kirchenrebellen Hans, dafür wohnt sie aber in dem bislang über seine Grenzen hinaus wenig bekannten Dorf Hinwil-Hadlikon (wenn schon klein, dann wenigstens mit Bindestrich). Dieses Gemeinwesen liegt nahe Zürich und ist weiter nicht bedeutend für diesen Bericht.

Die Prisca (nicht der gleichnamige Hans) hat eine epochale Erfindung gemacht, die auch uns Chronikern und Behinderten, die gern schon mal eines tierischen Seelentrösters bedürfen, aus einer scheußlichen Bredouille heraus hilft. Auch unsereiner hält sich mangels Hund vielleicht ein putziges Meerschweinchen.. Das saut zwar ganz schön rum in seinem Gehäuse und vernichtet erstaunliche Mengen, geradezu Fuder, an Heu, ist aber ansonsten recht anspruchslos. Es muss nicht spazierengeführt werden, beißt keine Briefträger, bellt nicht und hat wunderbare Knopfaugen..

Was will man mehr?

Zwei Meerschweinchen natürlich. Denn diese possierlichen Nager sind ausgesprochen gesellig. Sie halten sich strikt an das Wort des Herrn (bezeugt in Luthers Bibel bei Mose 2), wo es heißt: Es ist nicht gut, dass die Meersau allein sei. (Der sonst so geniale Martin Luther hat das Wort "Meersau" - im althebräischen Original sogar ein wenig verkürzt als "Sau" bezeichnet - irrtümlicherweise mit "Mensch" übersetzt). Aber sei's drum: Meerschweinchen sind streng gläubig und leben seither nur noch zu Zweit. Mindestens.

Heute haben wir dieses merkwürdige Verhalten (allein bekämen sie doch ein viel größeres Stück vom Heuhaufen ab) in den Tierschutz übernommen. Der Sau ihr Wille ist eben ihr - hoffentlich kastriertes - Himmelreich.

   Seit 2008 das ächt Schwyzer Meersäuli-Singeverbot    

Und die Schweizer - um endlich wieder zu unserer Geschichte zurück zu finden - sind nicht nur etwas seltsam (siehe: Apfel-Pfeil!), sparsam und erfinderisch, sondern auch besonders tierlieb: Und weil die Eidgenossen sich leidenschaftlich gern an präzise Gesetze halten, revidierten sie 2008 ihr in die Jahre gekommenes Tierschutzgesetz und schrieben bei der günstigen Gelegenheit gleich ein Meersäuli-Singleverbot mit hinein. Meersäuli, das sind ächt Schwyzer Meerschweinchen.

Seither ist es streng verboten, die Säuli in der Schwyz in lebenslusttötender Einsamkeit zu halten.

Unserer wackeren Prisca Küng aus Hinwil-Hadlikon ließ das keine Ruhe. Das neue Gesetz, das endlich mehr Meerschweine befahl, gefiel ihr an sich schon mal gut: Prisca züchtet nämlich die Säuli mit Leidenschaft und erfolgreich. So ein Säuli kostet unter Eidgenossen durchaus seine 30 Fränkli - das sind 3.000 Räppli!

Was nun, wenn der Tod ein heimisches Meerschweimchen-Paar scheidet. Dann ist die überlebende kleine Sau traurig (klar)- und die Halter werden zu Gesetzesbrechern - für ordentliche Schwyzer-Leut‘ eine grässliche Vorstellung.

Aber es gibt ja die Prisca Küng (aus Hinwil-Hadlikon). Die hat nämlich das Meerschweinchen-Leasing erfunden: Bei ihr kann man ganz einfach eine zweite Meersau dazu mieten - nach dem Prinzip "Rent-a-Säuli". Und schon haben sich wieder alle lieb: die Meerschweinchen - und die Menschen, die nun keine Strafe mehr befürchten müssen, weil sie gegen das Sau-Single-Verbot verstoßen haben.

   Geschäftstüchtig wie Novartis und Hoffmann-La Roche zusammen   

Und die Prisca Küng, die reibt sich die Hände wie einen Schabziger (das ist so ein grüner steinharter Schweizer Kräuterkäse, der gerieben wird, dass es nur so staubt). Die Helveticerin ist nämlich nicht nur tierlieb, sondern vor allem geschäftstüchtig wie die Schwyzer Pillendreher Novartis und Hoffmann-La Roche zusammen.

"Rent-a-Säuli" ist nämlich nichts anderes als ein schlauer Marketing-Gag (Man denke nur an Toblerone): Wer nämlich meint, er könne mit dem geleasten Meerschwein auch nur ein Räppli einsparen, der irrt: Die geleasten Meerschweichen kosten nämlich auch die üblichen 30 Franken. Der einzige Unterschied zum Meerschwein-Kauf: Stirbt das ursprüngliche und höchst illegale Single -Säuli, würde das ganze Theater ja von vorne losgegeben. Die Mieter haben dann die Wahl, eine zweite Meersau bei der Prisca zu "mieten" oder tatsächlich das erste geleaste Schweinderl wieder an die Frau in Hinwil-Hadlikon zurück zu geben - dann bekommen sie einen kleinen Teil der als "Mietgebühr" getarnten Kaufsumme zurück.

Zum Quieken findet das

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos

1 Kommentar:

  1. Hallo Nobs,

    wie bei allen Gruppentieren ist auch beim Meerschweinchen die Einzelhaltung ein Quälerei. Leider interessiert das nur die wenigsten Länder und von daher leben, oder besser vegetieren massig einsame Meerschweinchen oder Kaninchen in tausenden von ach so tierlieben Haushalten vor sich und warten auf Erlösung. Meistens die endgültige.

    Die Idee ein zurückgebliebendes Schweinchen nicht alleine seinen Lebensabend verbringen zu lassen und sich stattdessen ein zweites Tier zu holen ist löblich. Führt doch auch zu der "never-ending-Story". Nicht wenige Züchter oder Halter mehrer Schweinchen "verleihen" daher ruhige und ausgeglichene Tiere aus ihrem Bestand an solche Witwen-Schweinchen. Ich selbst habe das schon zweimal gemacht, wobei unsere Wurzel noch immer einem alten Witwer Gesellschaft leistet.

    Nachteilig an der Sache ist nur dies: es ist auch Tierquälerei das öfter mit dem Tier zu machen. Denn auch Meerschweinchen möchten gerne in einem festen Gruppengefüge leben und sich nicht immer wieder umstellen müssen. Was viele nicht wissen: gerade Meerschweinchen sind sehr stressanfällig. Für mich hieß und heißt das: ein Schweinchen, das einmal Gesellschafterin war, wird nie wieder aus der Gruppe entfernt. Den Rest ihres Lebens dürfen sie dann in Ruhe genießen.

    Übrigens: Deutschland hat sich trotz massivem Drucks von Tierschützern geweigert, ein ähnliches Gesetz zu erlassen. Begründung: Aufklärung würde ja bei den Tierhaltern reichen. Naja, wer das glaubt, der sollte sich dann doch lieber mal in deutschen Tierhalterhaushalten umsehen.

    Sheila

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