Freitag, 16. November 2012

Treffen sich zwei Senioren – politisch ganz korrekt

Ehrlich gesagt bin ich ein bekennender Witze-Hasser - zumindest, was schenkelklopfenden Stammtisch-"Humor" angeht. Aber ich liebe Witze, wo das Wort "Witz" im Sinne von "gewitzt" seine Berechtigung erfährt. Dazu gehören viele jiddische Witze - von jüdischen Menschen über jüdische Menschen erzählt -, der staubtrockene britische Humor und was sonst noch tiefschwarz daher kommt. Und manchmal schreibt das Leben als solches solche Witze.

Einer der wenigen Witze, die ich mir merken konnte - ich pflege normalerweise jegliche, noch so gute Pointe zu vermasseln - ist der von den beiden Jägern, die sich im Wald trafen. Ja, so war das wohl, erzählen sich Reh, Hirsch, Hase, Rebhuhn und Wildschwein gerne an dämmerigen Abenden im Schutz des Dickichts - und grinsen schäbig-schadenfroh, aber irgendwie doch lebensbejahend. Ist eben alles eine Frage der jeweiligen Perspektive.

An diesen Witz im Telegrammstil, der nicht nur bei plauderndem Wild im Wald, sondern auch bei Vegetariern immer wieder gern die Runde macht, erinnerte mich dieser Tage ein an sich tieftrauriges und irgendwie schon tragisches Geschehen im schönen Nordhessen. Was war dort geschehen? Nichts Lustiges, das sei vorsichtshalber erwähnt - aber auch das Treffen der Jäger reizt zwar zum Lachen, ist aber ebenfalls ganz und gar nicht zum Lachen.

Die DPA-Meldung, die (fast) Jäger-Witz-Niveau hat, lautet (fast so kurz wie dieser Klassiker): 100-jähriger erlegt 88-jährige. Zugegeben: Für beide wohl eine zutiefst traumatische Begegnung. Vor allem aber eine, die jeglicher political correctness spottet. Politisch korrekt wäre nämlich die Message, dass Mobilität ohne Wenn und Aber gesund ist - bis ins hohe Alter und jeder körperlichen Einschränkung eisern die Stirn zeigend (passender: die Hacken der davon preschenden Laufschuhe). In manchen Behindertenkreisen werden um jeden Preis mobile Leidensgenossen verehrt wie Bolle - ich warte geduldig drauf, dass endlich die durchgeschwitzten Radler-Trikots jener Helden meistbietend versteigert werden.

Gar so gesund scheint mir der politisch-korrekte Mobilitäts-Glaube nun doch nicht zu sein. Hätte die 88jährige alte Dame sich doch bloß nicht in den Bus gesetzt und vor allem: Wäre sie doch bloß nicht wie so ein junger Springinsfeld nach Erreichen ihres Ziels hinter dem Bus her (und durch diesen gut getarnt) ausgesprochen mobil über die Fahrbahn gehüpft.

Und hätte der 100-jährige immerjunge Greis sich doch bloß nicht - mobilitätsversessen und damit politisch-korrekt - hinter das Steuer seines Automobils gesetzt und wäre er doch bloß nicht losgefahren.

Beide folgten aber eben doch dem derzeitigen äußerst bewegten Zeitgeist - bis sie sich trafen. Ironie des schwarzhumorigen Schicksals: Die vergleichsweise junge Frau überlebte dank fehlender Knautschzonen und Airbags das Rendezvous nicht, während der 100-jährige Automobilist mit dem gebührenden Bedauern, aber wohlbehalten seinem nur leicht lädierten Auto entstieg.

Wie auch immer: Wären beide, nicht gar so mobil, mal zu Hause geblieben, hätten sie sich nicht getroffen. Politisch nicht ganz korrekt, aber unbeschadet.

Schön vor- und umsichtig seinen Rollator durch den Park schubsend grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


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