Mittwoch, 12. Dezember 2012

Gut gezwitschert – hilft auch nix

Was haben der Ratzinger-Sepp und seine Landsmännin, die Julia Probst, gemein? Nein, nicht nur ihre bajuwarische Heimat. Über diese Landsmannschaft hinaus verbindet den alten Mann, der mittlerweile einen Top-Job bei der römisch-katholischen Kirche hat, und die junge Frau, die gerne demnächst einen gut bezahlten Job in der großen Politik hätte, eine gemeinsame echte Leidenschaft: Sie zwitschern sich gern mal einen. Nein, nicht, was ihr jetzt schon wieder denkt: Die Trinkgewohnheiten der beiden kenne ich nicht - und es geht uns auch gar nichts an. Nein, sie zwitschern auf Denglish - und dann heißt es cyber-korrekt: Sie twittern.

Das gehört sich heute so. Twittern ist die hohe Kunst der Maulfaulheit und der sparsamen Sprache. Es ist gar nicht so einfach, in höchstens 140 Zeichen etwas Bemerkenswertes mitzuteilen. Mehr darf man nämlich nicht: Das sind die strengen Twitter-Spielregeln.

Dass die gehörlose Julia Probst und der katholische Herr Ratzinger, der unter dem Hashtag #AskPontifex zu erreichen ist, sich online im Halbsatz-Stil dem Rest der Welt offenbaren, hat gute und handfeste Gründe: Dem Papst zum Beispiel laufen die Schäfchen nicht nur in seiner deutschen Heimat in Scharen weg, und das Image der Heiligkeit des "heiligen Vaters" könnte auch mal eine Marketing-Politur vertragen.

   Auf Deubel komm raus zum Höheren berufen   

Und die Julia zieht es auf Deubel komm raus zu Höherem hin. Qualifikation und Substanz empfinden Karrieristen mittlerweile auf dem Weg in die möglichst satt honorierte Bedeutsamkeit ja eher als vernachlässigbar (da hatte der zwar dogmatische, aber immerhin gelehrte Kirchen-Professor Ratzinger doch noch was zu bieten). Bei Julia Probst sieht es nicht so gut aus mit der Qualifikation. Aber wenn das Sein nur wenig zu bieten hat, muss halt eine dicke Portion Schein her.

Wie auch immer: Ob der Ratzinger-Sepp, der sich neuerdings Benedikt nennt (ein absolutes Muss: Als Papst Sepp I. wäre ihm - nicht nur an fränkisch-protestantischen bayrisch-bierseligen Stammtischen flugs der Depp dazu gereimt worden) - ob der image-geschädigte Papst sich bei seinem Twitter-Coup die Julia Probst zum Vorbild genommen hat oder doch nicht, ist nicht bekannt (eigentlich hört der Papst nur auf eine Frau, und die heißt nicht Julia, sondern Maria.

Vielleicht war ihm aber doch zu Ohren gekommen, dass das Julchen in Neu-Ulm mittlerweile an die 23.000 Jüngerinnen und Jünger hat, die ihrer Twitter-Ikone treu und brav folgen (ganz im Sinne des demnächst mal wieder Geburtstag feiernden Wanderpredigers Jesus). Diese geradezu jesusmäßigen Jünger heißen bei Twitter logischerweise "Follower" (zu deutsch: Die Folgenden).

   Im Papamobil mit Twitter-Account auf der Überholspur   

Das müsste zu toppen sein, dachte sich der Ratzinger - und er behielt erst mal recht: Der zwitschernde Papst soll angeblich schon eine halbe Million Follower sein Eigen nennen, knapp 15.000 davon in Deutschland. Achtung, Julia: Der Papst boxt und steppt zwar nicht im Twitter, aber er prescht wohl demnächst mit Twitter-Account im Papamobil auch in Deutschland auf der Überholspur an dir vorbei.

Ganz im Vertrauen: Es lohnt sich gar nicht, liebe Julia Probst, dich weiter abzustrampeln. Die Masse bringt's nicht. Und gegen den päpstlichen Heiligenschein kannst du eh nicht anpolieren.

Überhaupt: Der Papst hat mit seinem tollen Twitter-Auftritt eine satte Bauchlandung hingelegt. Er hätte es wissen müssen: Nachdem die Satiriker von "Titanic" ihm seine blütenweiße Soutane beidseitig befleckt hatten (und sich kein ordentliches Gericht fand, das den allzu menschlichen Frevel der bösen Buben ahndete), hätte er doch zumindest ahnen können, dass seine Zwitscherei ihm mal wieder nur Häme und Spott einbringt. Nix da mit frommem Augenaufschlag und unterwürfiger Knierutscherei und Ring-Gelutsche. Die Masse der Twitter-Gemeinde ist bekanntlich alles andere als feinfühlig und haut gnadenlos auf alles, was ihr nicht koscher erscheint.

   Vom Blogger-Girlie zur Twitter-Queen   

Das blieb der Twitter-Queen Julia Probst bisher weitestgehend erspart. Sie hatte aber auch sorgfältige Vorarbeit geleistet: 2011 ließ sie sich zum "Blogger-Mädchen" küren (das ist so eine Art überaltertes Cyber-It-Girl") Ihre zahlenmäßig beachtliche Follower-Gemeinde rekrutierte sie dann mit der Fähigkeit, Worte von Lippen zu lesen. Das können viele gehörlose Menschen. Probst als mehr oder weniger taube Sportfanatikerin hatte eine followerträchtige Idee: Sie fing an, bei Fussball-Meisterschaften Trainern und Kickern Wortfetzen und Halbsätze von den Lippen zu lesen - und zwar am Fernseher. Und das zwitscherte sie unermüdlich zwischen spät-pubertären sexistischen Schwärmereien für männliche Körper und Kosmetik- und Mode-Tipps.

Viel kam da zwar nicht bei rum. Halbwegs normal tickenden Menschen ist es piepegal, ob Bundes-Jogi mal schwäbisch-herzhaft "Scheisse" brüllt auf der Trainerbank, wenn seine Jungs nicht so wollen wie er. Aber die Probst-Rechnung ging trotzdem erst mal auf: Ihre Followerschaft, die mittlerweile rund 26.000 zählen soll, ist offenbar erpicht auf die sportlichen Belanglosigkeiten, die sie in 140 Zeichen verkündet. Nun ja, die Masse der zutiefst unsportlichen, dafür aber grölenden und prügelnden Stadion-Stürmer hat ja wohl auch keine sonderlichen geistigen Bedürfnisse und ist leicht zufrieden zu stellen.

   Mit Behinderten-Bonus  hopp auf die Karriere-Leiter?  

Und dann fand die smarte junge Frau auch noch eine Partei, die sich von den Probst-Follower-Massen beeindruckt zeigte - und gern bereit war, einen dicken Behinderten-Bonus zu spenden. Nachdem absehbar war, dass die Grünen nicht wild darauf waren, unbedarfte Newcomer ohne jedes politische Können auf die Profipolitiker-Karriereleiter zu schubsen (und auch die Piraten ihrer bayerischen Heimat nicht daran dachten, dem Blogger- und Twitter-Girlie in den reichlich bezahlten Abgeordneten-Job zu verhelfen), schaffte es die gut vernetzte Julia Probst, bei den baden-württembergischen Piraten einen "sicheren" dritten Platz auf der Landesliste zur Bundestagswahl 2013 zu ergattern.

Die Freibeuter hatten wohl schlicht übersehen, dass Julia Probst zwar unter Fussball-Verrückten einen (ziemlich fragwürdigen) Ruf hat, aber unter engagierten behinderten Menschen und in der knochenharten Selbsthilfe- und Interessenarbeit der Behinderten so gut wie keine Rolle spielt. Sie wiederholt zwar gebetsmühlenartig einige Schlagworte aus den Forderungskatalogen der Behinderten-Vertretungen, ansonsten beschränkt sich ihr politisches Engagement aber eher auf den Kampf darum, sich selbst in Szene zu setzen und gemeinsam mit allen möglichen Promis aufs Foto zu kommen (sie beschwert sich immer noch lautstark darüber, dass sie ein Knipsbildchen, das sie innig vereint mit Angela Merkel zeigen soll, bisher nicht erhalten hat - offenbar ein echtes Probst-Problem).

   Da hilft auch kein willkommenes Shit-Stürmchen   

Alles Twittern hilft offenbar weder dem Papst noch Frau Probst. Den Seppl Ratzinger und sein neuerliches Gezwitscher nimmt niemand ernst, und die karrierebemühte Julia Probst hat offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Ihr "sicherer" Platz drei auf der Piraten-Landesliste ist bei Prognosen deutlich unter der Fünf-Prozent-Klausel alles andere als ein Freifahrschein für fette Abgeordneten-Diäten. Da nützt ihr auch das dümmliche Shit-Stürmchen wohl auch nur wenig, das ihr kürzlich nach einem unprofessionellen und weitestgehend substanzlosen Mini-Auftritt im ZDF entgegen wehte.

Ist vielleicht auch besser so: Als Parlaments-Piratin hätte sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jedem politischen Unsinn zugestimmt - solange ihr nur versprochen würde, dass der Quatsch untertitelt in die Medien käme.

Aber lassen wir sie ruhig weiter zwitschern: Den Herrn Papst und die Frau Probst. Aber bitte, bitte nicht länger als 140 Zeichen. Mehr halte ich von beiden nicht aus.

das seufzt
Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos



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