Dienstag, 8. Januar 2013

Es ist nie zu spät - wozu?

Was hätte nur aus dir werden können? Das ist eine Frage, die mich Zeit meines Lebens anödet und nervt. Nun neige ich eher weniger dazu, zu Beginn eines neuen Jahres tiefsinnige Überlegungen darüber anzustellen, mit welchen angeblich "guten" Vorsätzen ich mich endlich optimieren (oder wenigstens ein bisschen „tunen“ oder „pimpen“) könnte - oder wie ich wenigstens die Welt verbessern könnte (wenn schon nicht mich). Solchen Fragen, auf die es keine vernünftigen Antworten gibt, mag ich nicht besonders.

Aber ich ziehe doch mal gern hin und wieder eine Art Bilanz meines Lebens und Erlebens. Und da taucht sie dann doch im Hinterstübchen meines Denkapparats wieder auf: Diese lästige und nervige Frage danach, was aus mir alles hätte werden können. Schlimmer noch: Was kann noch alles aus dir werden?

Die rein hypothetische Frage nach meinen nicht realisierten oder nur suboptimal genutzten Potentialen während der vergangenen gut sechseinhalb Jahrzehnte ist ja möglicherweise berechtigt. Ich selbst halte solche Fragestellungen für eher sinnbefreit und nicht - wie nennt man das doch heutzutage gern: ja, nicht zielführend.

Warum zum Teufel bin ich nicht Chefredakteur eines auflagenstarken Blättchens geworden - oder wenigstens Bundeskanzler oder Papst - oder Exbundespräsident?

   Hut oder Heiligenschein?   

Für einen Berufspolitiker oder religiösen Demagogen tauge ich definitiv nicht: Ich schaue beim Rasieren zu gern in den Spiegel - im Laufe der Jahre zwar immer desillusionierter, aber immerhin meist nicht angewidert. Das ist doch schon was und hilft mir immer wieder über den Tag. Dass ich mir am späten Abend neist den Spiegelblick verkneife, liegt einfach daran, dass ich dann in schwachen, sentimentalen Momenten vielleicht doch den Heiligenschein vermissen könnte, ohne den ich aber ansonsten ganz gut über die Runden komme, der mir aber – rein optisch gesehen - einfach gut zu Gesicht stünde. Es gibt ja bösartige Charaktere, die behaupten, ich sei nur Hutfetischist, weil ich Angst hätte, oben "ohne" würde mir der Heiligenschein unter dem Glatzendeckel entfleuchen. Alles Quatsch: Hut steht mir einfach noch besser als Heiligenschein.

Und Karriere im Job? Ich war und bin nicht sonderlich gut vernetzt, um das böse bajuwarische Wort von den "Spezerln" und "Amigos" nicht überzustrapazieren. Und: Ich leide unter einem notorisch unbeugsamen Rückgrat und habe zwar nichts gegen den lustvollen Austausch von Körperflüssigkeiten, bin da aber ausgesprochen wählerisch: Der Speichel von Vorgesetzten steht nicht auf meiner Speisekarte.

Ach so: Alles in allem gefällt mir, was aus mir "geworden" ist: Beruflich konnte ich vieles von dem leben, was mir wichtig war - und menschlich? Ach, das mit der menschlichen "Vollendung", dem "Gutmenschentum" und der "schönen Seele" ist so ein Ding für sich - mein Ding war und ist es nicht - und wird auf der Schlussgeraden meines Lebens wohl auch kaum zu meinem Ideal werden.

Mein Credo: Wer immer danach jagt, noch besser, noch erfolgreicher, noch anerkannter und noch be- und geliebter zu werden, der hat diesen Kampf schon verloren und wird verbittert und unausstehlich. Außerdem verpasst er die wirklich interessanten, spannenden und manchmal auch wichtigen Seiten des Lebens.

Wie mach' ich also weiter. Was "kann noch aus mir werden"? Würde ich jetzt anfangen, mich von dem sich sinnlos immer schneller werdenden Karussell mit all den Selbstdarstellern und effekthaschenden, glänzenden Schaumschlägern allerlei Geschlechts darauf, mitreißen zu lassen, dann würde mir allenfalls schwindlig; mein Leben bereichern würde es nicht.

Und was ist mit dem anderen Kalenderspruch, der mir immer öfter begegnet je älter ich werde: "Es ist nie zu spät" heißt es da trutzig - auch, wenn es meist ein wenig nach ängstlichem Pfeifen im dunklen Wald klingt.

"Nie" zu spät ist natürlich dummes Zeug: Unser letzter Atemzug widerlegt den Unsinn. Mir stellt sich aber eine andere Frage: "Nie zu spät - wozu"?

   Welt aus den Angeln heben? Sollen mal hübsch andere machen   

Jenseits aller Selbstgerechtigkeit und im Wissen aller Unzulänglichkeit, die mich wie die meisten meiner Mitmenschen auszeichnet, will ich im Großen und Ganzen so bleiben wie ich bin. Ich will mein Leben leben so angenehm wie es die schwindende Gesundheit ermöglicht. Ich glaube, das bekomme ich einigermaßen hin. Und "spektakuläre Erfolge" nach außen hin? Ich habe weder Kraft noch sonderliche Lust dazu, das, was ich zum Beispiel hier im Blog so verzapfe, zu vermarkten auf Deubel komm raus.

Ich freue mich über jede Leserin und jeden Leser, die - aus welchen Gründen auch immer - meine kritisch-journalistische und meine kreative Arbeit (als Jos van Aken) zur Kenntnis nehmen (wobei das kreative Tun mir immer wichtiger wird). Aber ich will nicht die Welt aus den Angeln heben, die sich nicht nur mir als ebenso suboptimal darstellt wie ich es selbst bin. Das sollen mal hübsch andere machen - oder vielleicht besser doch nicht.

Ein bisschen spät, aber nicht zu spät grüßt zum zum neuen Jahr

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


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