Samstag, 2. Februar 2013

Freispruch fürs Frühstücksei

Ich will nicht lange rumeiern. Ja, ich bin ein Eier-Freak. Ob als eigelb-weicher Start in den Tag zum deftigen Frühstück, perfekt viereinhalb Minuten in sprudelnd kochendem Wasser zubereitet, ob als Omelette, ob als Rühr- oder Spiegelei für den kleinen Hunger zwischendurch: Ich mag diese Hinterlassenschaften des gackernden Hühnervolkes - natürlich aus politisch-korrekten, streng biologischen Freiluft-Hennen-Popos - wer will schon mit schlechtem Gewissen am Frühstückstisch sitzen.

Aber genau das war dann doch jahrzehntelang ein Problem. Wir Eiergenießer trauten uns kaum, noch so korrekte Eier aus artgerechter Haltung in größeren Gebinden aus dem Supermarkt in den Einkaufskorb zu legen - wussten wir doch nie, ob uns nicht unser Hausarzt unversehens am Supermarkt-Eier-Regal bei der Vorbereitung der nächsten Eier-Orgie überraschen würde (in seinem Wartezimmer wurde schon darüber gemunkelt, dass "der Herr Doktor" mitsamt Doktor-Gattin beim Einkauf in just diesem meinem Lieblings- Supermarkt gesichtet worden war.

Hätte mich der Doc als notorischen Käufer von mehr als einem Eier-Sixpack erwischt, dann wäre beim nächsten Besuch seiner Sprechstunde wieder einmal seine Standard-Standpauke fällig gewesen. Im Telegrammstil:

"Sie sind wohl lebensmüde!  
Wissen Sie eigentlich, was Sie sich da antun? 
Und das bei Ihren ohnehin nicht das ewige Leben verheißenden Laborwerten! 
Sie schaufeln da reines Cholesterin aus den Eierschalen. 
Da nützt es gar nichts, dass Sie endlich das Qualmen und Saufen aufgegeben haben." 
Kurz und erschreckend: Mein frühes, allzu frühes Ende war eine (vom Arzt) beschlossene Sache - wenn ich nicht nach dem fiesen Nikotin und dem bösen Alkohol auch den mörderischen Eiern, die in Wirklichkeit Cholesterin-Bomben sind, entsagen würde. 

Natürlich habe ich weiter rumgeeiert. Anders gesagt: Das ovale Stück Lebensfreude auf meinem Frühstückstisch ließ ich mir nicht nehmen. Dafür nahm ich gern in Kauf, dass mein Hausarzt von Jahr zu Jahr mehr und mehr zum lebenden Fragezeichen mutierte: Er konnte es einfach weder fassen noch verwinden, dass die Eier und das Cholesterin mich immer noch nicht umgebracht hatten. Fast schien er entrüstet, dass ich trotz Eier-Schleckerei nicht gewillt war, mich mit einem Herzschlag-Finale oder Schlaganfall aus seiner Patientendatei zu verabschieden, im Dahinscheiden endlich die Eierfreuden, denen ich gefrönt hatte, bitter bereuend.

Aber das schlechte Gewissen hat mich bei aller Sturheit eben doch mehr als sechs lange Jahrzehnte begleitet, jeden Morgen, wenn ich das Frühstücksei köpfte.

   Das Ei ist unschuldig   

Mit einer Mischung aus Erleichterung und Zorn lese ich jetzt, dass meine Frühstücks-Spassbremse (auch als mein Hausarzt bekannt) mich genauso schnöde veräppelt hat mit seinen ewigen Hass-Tiraden gegen das Ei im Allgemeinen und das Frühstücksei im Speziellen wie die Wissenschaftler, denen er nachplapperte - natürlich immer nichts als meine werte Gesundheit im Sinn.

Das Ei ist nicht nur lecker - es ist auch unschuldig. Das gilt nach vielem Hin und Her in der Forschung zumindest für das "schlechte" Cholesterin, in Fachkreisen kurz, knapp und wie üblich unverständlich als LDL bekannt.

Eine groß angelegte chinesisch-amerikanische Meta-Studie, bei der die Daten von mehr als einer viertel Million Patienten ausgewertet wurden, sprach das Ei weitgehend vom Vorwurf der Cholesterin-Vergifterei frei - mangels Beweisen. Selbst beim täglichen Konsum eines Eis ist nach der neuen Studie kein sonderlich erhöhtes Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Risiko zu befürchten.

   Zum gesunden Ei das gesunde Lachsbötchen: Perfekt!   

Aber keine gute Nachricht ohne ein großes "Aber". Das Ei soll uns jetzt also schmecken - Frühstücksgenuss pur ohne Reue. Dafür klauen uns die Gesundheitsexperten jetzt aber Käse und Butter vom Frühstücksbrötchen. Einen größeren Einfluss auf den Cholesterinspiegel im Blut als das Cholesterin im Ei haben nämlich die berüchtigten gesättigten Fettsäuren. Und die finden sich nach wie vor vor allem in fettem Fleisch, Käse und Butter.

Aber meinen geliebten Matjeshering oder das Lachsbrötchen darf ich weiter genießen, fette Makrelen auch. Die tun mir mit ihren mehrfach ungesättigten Fettsäuren sogar gut - und jetzt sogar im geschmacklichen Einklang mit meinem geliebten Frühstücksei.

Mit durch und durch gesundem Appetit grüßt

Ihr Norbert Jos Maas
euer Jos


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